Unterlüß: Kollektivität, Austausch und Vernetzung

In Unterlüß findet das „Rheinmetall Entwaffnen“-Camp statt. Neben intensiven Workshops, Exkursionen und kulturell-politischem Abendprogramm gab es auch am dritten Tag viel Raum für Diskussionen, Austausch und Vernetzung.

Seit dem 1. September wird der Dorfplatz in Unterlüß von einer immer größer werdenden Anzahl an Aktivist*innen, Gruppen und Initiativen besucht, die dort kollektiv und selbstorganisiert das „Rheinmetall Entwaffnen“-Camp entstehen lassen.

Exkursion in die Umgebung

Am Dienstagvormittag begab sich ein Teil der Gruppe auf Exkursion zur weiteren Erkundung der Gegend um Unterlüß, wobei die Militarisierung der Region deutlich wurde. Die Produktions- und Testgelände von Rheinmetall sind hierbei nur ein kleiner Teil, verschiedene Truppenübungsplätze, auch der NATO, bilden noch einen weitaus größeren. Der Truppenübungsplatz Bergen beispielsweise trägt maßgeblich dazu bei, dass seit 80 Jahren ziviles Leben in der Heide untersagt ist. Doch es gibt auch lokale Initiativen, die seit Jahren versuchen, die Heide als Biosphärenreservat unter den Schutz der UNESCO stellen zu lassen. Weitere Initiativen erinnern mit Gedenktafeln an die Menschen, die im Nationalsozialismus in Konzentrationslager gefangen waren.

Workshop zu feministischem Aktivismus

Auf dem Camp selbst fand am Vormittag ein Workshop zu feministischem Aktivismus statt. Dort wurde von antimilitaristischen Feministinnen im FLTI-Rahmen überlegt, wie gemeinsame feministische Aktionen aussehen könnten, und die bisherigen unterschiedlichen Erfahrungen wurden reflektiert.

Workshop zu Pressearbeit mit Katharina Schipkowski

Das Nachmittagsprogramm wurde zum einen durch einen Workshop zu Pressearbeit gestaltet. Katharina Schipkowski, eine Journalistin aus Hamburg, gab im Rahmen von Skills4Utopia, einer Reihe an kostenlosen Angeboten für Aktivist*innen und Gruppen, einen Workshop zur Pressearbeit für Aktivist*innen. Hierbei ging es insbesondere darum, wie Gruppen und Initiativen ihre Themen in der Presse erfolgreich platzieren können. Dazu gehört ein gegenseitiges Verständnis zwischen Aktivist*innen und Journalist*innen.

Reisebericht Rojava

Im Anschluss berichteten zwei Aktivisten der Radikalen Linken Berlin und der Internationalistischen Kommune in Rojava von ihrer letzten Reise nach Nordostsyrien und wie sich ihr Verhältnis zur dortigen Revolution in der lokalen Arbeit in der Bundesrepublik ausdrückt. Sie betonten insbesondere die Organisierung in allen Teilen der Gesellschaft als Basis für das, was in den letzten Jahren dort geschaffen wurde: Eine Revolution, basierend auf der Freiheit der Frau, Ökologie und demokratischer Selbstverwaltung. Zum Ende wurde auch darüber diskutiert, was es heute bedeutet, internationalistisch politisch aktiv zu sein. Es ginge insbesondere um zwei Schwerpunkte: Die Beteiligung an den Kämpfen vor Ort, aber auch das Wirken in den Metropolen, also das, um Andrea Wolf zu zitieren, Lahmlegen der Kriegsmaschinerie in den kapitalistischen Zentren.

Antipatriarchale Auseinandersetzung

Gleichzeitig gab es vier Stunden einen intensiven Workshop zur antipatriarchalen Auseinandersetzung. Dabei ging es darum, Problematiken, die aus der Sozialisation im Patriarchat entstehen, sichtbar zu machen und zu diskutieren. Im aktiven Teil des Workshops wurden hierzu Fragen gestellt, auf welche die Personen durch Aufstellung antworteten, beispielsweise: Nehme ich es wahr, wie es anderen Personen geht? Auch patriarchales Verhalten auf dem Camp wurde eingeschätzt und über die Notwendigkeit von FLTI-Räumen diskutiert. In der anschließenden Reflexionsphase ging es viel um Erwartungen durch die eigene Sozialisierung, die Fähigkeit Kritik geben und annehmen zu können, dominantes Redeverhalten, aber auch um eigene Unsicherheiten und die Bewältigung der eigenen Vergangenheit.

Szenische Lesung: Krieg? Ohne uns!

Am Abend traten zwei Künstler mit einer szenischen Lesung auf. Rudi Friedrich von Connection e.V. und der Gitarrist Talib Richard beschäftigen sich in „Krieg? Ohne uns!“ mit Militärstreik und Desertion im ersten Weltkrieg. Hierbei wurde neben der Grausamkeit insbesondere die Absurdität des Krieges deutlich. Sie verlasen mit musikalischer Unterlegung Texte verschiedener Autoren, darunter auch Tagebucheinträge und Gedichte. In einem Text von Ernst Toller, der hier seine Erfahrungen in der Psychiatrie beschreibt, wo er selbst wieder kriegsverwendungsfähig gemacht werden sollte, hieß es beispielsweise: „Ich lernte, dass es zwei Arten Kranke gibt, die harmlosen liegen in vergitterten klinkenlosen Stuben und heißen Irre, die gefährlichen weisen nach, dass Hunger ein Volk erzieht, und gründen Bünde zur Niederwerfung Englands, sie dürfen die harmlosen einsperren“.

Vernetzungstreffen

Parallel dazu gab es ein kleines Vernetzungstreffen, auf dem ein schwedischer Friedensaktivist über die Arbeit seiner Gruppe sprach, in Nordosteuropa ein Friedensnetzwerk aufzubauen, in welchem auch russische Aktivisten ihren Platz finden. Diese Notwendigkeit sei durch die zunehmende Militarisierung in der Region und der weiteren Annäherung Schwedens an die Nato gegeben.

Kollektives Zusammenleben mit immer mehr Menschen

Am dritten Tage des Camps reisten weiter Menschen an, sodass mittlerweile über 130 Menschen sich in Unterlüß versammeln. Neben dem Bildungs- und Vernetzungsangebot durch die Workshops und Diskussionen gilt es auch, eine kollektive, selbstorganisierte Art des Zusammenlebens zu erproben. Feministische Themen nehmen einen großen Stellenwert im gesamten Programm und Leben des Camps ein; so gibt es neben autonomen feministischen Zusammenkünften auch extra Zelte zum Rückzug und einen FLTI*-Zeltplatz.