Die Toten von Hanau

Neun Menschen sind in Hanau aus rassistischen Gründen getötet worden. Wir haben Informationen über sie zusammengetragen.

Am Mittwochabend hatte ein 43-jähriger Deutscher in Hanau neun Menschen mit ausländischen Wurzeln aus rassistischen Gründen getötet. Später wurde er ebenso wie seine 72-jährige Mutter tot in seiner Wohnung aufgefunden. Während kurz nach dem Anschlag der Name, Fotos und Zitate aus dem sogenannten „Manifest“ des Täters sofort in der deutschen Medienlandschaft zu finden waren, tauchten die Opfer des Massakers in der hiesigen Berichterstattung kaum auf. Wir haben Informationen über die Todesopfer zusammengetragen.

Mercedes Kierpacz

Mercedes Kierpacz war Romni mit deutschem und polnischem Hintergrund. Sie war Mutter von zwei Kindern, einem 16-jährigen Sohn und einer neunjährigen Tochter. Ihre Freundin Jade M. beschreibt Mercedes als eine Frau mit starker Persönlichkeit: „Sie war auch sehr offen und sympathisch. Man hat sich in ihrer Nähe sofort wohlgefühlt.” Mercedes hat in dem Kiosk neben der Shisha-Bar gearbeitet, aber nicht an dem Abend, sie wollte sich dort nur schnell etwas zu essen holen.

Kalojan Welkow

Der 33-Jährige lebte laut bulgarischem Außenministerium seit zwei Jahren in Deutschland. Er war der Wirt der Bar „La Votre“ neben der Shisha-Bar Midnight.

Said Nesar Hashemi

Derzeit ist wenig über Said Nesar Hashemi bekannt. Er scheint in Hanau aufgewachsen und zur Schule gegangen zu sein. Er ist wohl gerade einmal 21 oder 22 Jahre alt geworden. Said hatte afghanische Wurzeln, sein Bruder überlebte schwer verletzt.

Sedat Gürbüz

Sedat Gürbüz war der Besitzer der Shisha-Bar Midnight am Heumarkt in der Hanauer Innenstadt, dem ersten Tatort des Attentäters. Navid S., nach eigener Aussage ein sehr guter Freund von Sedat Gürbüz, sagte über Sedat: „Sedat war ein geliebter Bruder. Er hat immer gelacht, konnte keiner Fliege etwas zuleide tun.” Als er von dem Angriff auf die Shisha-Bar erfahren habe, habe er geahnt, dass Sedat unter den Todesopfern ist, sagte Navid: „Er war immer um diese Zeit da.” Sedat Gürbüz wurde nur 30 Jahre alt. Er hatte einen Bruder.

Fatih Saraçoğlu

Fatih Saraçoğlu lebte noch nicht lange in Hanau, der 34-Jährige war aus Regensburg ins Rhein-Main-Gebiet gekommen, um sich selbständig zu machen. Fatih Saraçoğlu starb in der Bar Midnight in der Innenstadt, er kam aus Çorum in Zentralanatolien.

Vili Viorel Păun

Der 23-jährige Vili Viorel Păun zog laut rumänischen Medien im Alter von 16 Jahren von Rumänien nach Deutschland, weil seine Mutter krank war und sich hier behandeln lassen wollte. Er wollte Informatik studieren. In Deutschland hat er zunächst bei einer Kurierfirma gearbeitet, um seiner Mutter zu helfen. Donnerstagabend stand Vili vor dem Kiosk, um sich einen Saft zu holen, dort wurde er erschossen.

Hamza Kurtović

Die Familie des 20-Jährigen stammt ursprünglich aus der bosnisch-herzegowinischen Stadt Prijedor. Doch schon sein Vater wurde in Deutschland geboren, wie später auch Hamza, seine zwei Brüder und eine Schwester. Nach Angaben von Bekannten hatte er erst vor kurzem seine Ausbildung abgeschlossen und war gerade ins Berufsleben eingestiegen.

Ferhat Ünvar

Ferhat Ünvar war Kurde. Er war 22 Jahre alt und ist in Deutschland geboren. Schon sein Großvater war 1979 nach Deutschland gekommen. „Er hat hier Straßen gebaut, die Ferhats Mörder vielleicht in der Nacht gefahren ist“, schreiben Freunde in den sozialen Medien. Ferhat selbst war nie in seiner kurdischen Heimat. Seine Familie sagt, er hatte viele Pläne und Träume. Sein Cousin Aydin Yilmaz sagte, dass Ferhat Ünver gerade seine Lehre zum Heizungs- und Gasinstallateur abgeschlossen habe und dabei gewesen sei, seine eigene Firma zu gründen. „Ferhat wollte in der Gegend arbeiten und dafür sorgen, dass es uns allen zu Hause gut geht und warm ist”, sagte Yilmaz. Ferhat Ünver hat sich oft mit Freunden in der Arena Bar im Stadtteil Kesselstadt getroffen - so auch am Mittwochabend. Seine Mutter Serpil Temiz arbeitet ehrenamtlich bei der Tageszeitung Yeni Özgür Politika. Ferhat besuchte häufig das kurdische Gesellschaftszentrum in Hanau.

Gökhan Gültekin

Gökhan Gültekin war Kurde, er war 37 Jahre alt. Sein Spitzname unter Freunden war „Gogo”. Gökhans Familie kommt aus Agirî (Ağrı) in Nordkurdistan. Seine Familie lebte schon seit 1968 in Hanau. Gogo hatte viele Freunde. Er hat Maurer gelernt und arbeitete nebenberuflich abends in einem Café-Kiosk in Kesselstadt, auch, um den kranken Vater zu unterstützen. Vor kurzem hatte er sich mit einem Umzugsunternehmen selbstständig gemacht, wollte flexibel und für die Familie da sein. In dem Kiosk, in dem er abends arbeitete, traf ihn die Kugel des Attentäters. Gökhan war mit 28 Jahren von einem Bus angefahren worden, lange war nicht klar, ob er überlebt - er schaffte es, seine Freunde hielten ihn für ein Glückskind. Gökhan war derjenige, der die Familie immer unterstützte, dolmetschte, die Eltern zum Krankenhaus fuhr. „Wir wissen gar nicht, wie es jetzt weitergehen soll“, sagte sein Bruder.