Dastan Jasim: Die PKK ist nur eine Ausrede

Die Politikwissenschaftlerin Dastan Jasim hält sich derzeit in Südkurdistan auf. Für ANF schildert sie ihre Eindrücke nach dem tödlichen Luftangriff der Türkei auf den beliebten Ausflugsort Kuna Masî mit zwei Toten und neun Verletzten.

„Diese Gebirgszüge nördlich von Slemani wurden seit den 80er Jahren nicht mehr bombardiert. Wir hören natürlich immer von Angriffen in Bradost oder Haftanin, aber das haben wir so nicht kommen sehen”, sagt ein Einwohner aus Slemani. Mit den Drohnenangriffen in der Ortschaft Kunamasi am vergangenen Donnerstag hat die Türkei nach ihrem gezielten Angriff im Azmar-Gebirge im Oktober 2019 erneut gezeigt, dass sie sich nicht einmal scheut, im sonst so ruhigen Gouvernement Slemani zuzuschlagen. Der Angriff erfolgte auf zwei Ziele: einen Pick-up und ein Geschäft. Ein PJAK-Kämpfer wurde bei der Bombardierung des Trucks getötet, drei weitere wurden verletzt, wie am Freitag bekannt wurde. Von den sechs Zivilisten, die sich in dem kleinen Laden am Straßenrand aufhielten und verletzt wurden, sind zwei Kinder schwerverletzt. Der Mutter wurden im Shar-Krankenhaus in Slemani beide Beine amputiert, beim Vater konnte ein Bein nicht gerettet werden. Das schwerwiegende Trauma vermag man sich kaum vorstellen. Besonders tragisch: Kunamasi ist ein beliebter Ausflugsort für Menschen aus der ganzen Region. Aufgrund der schönen Berglandschaft und dem knöchelhohen Wasser des Badesees handelt es sich um einen Familientreffpunkt.

Besonders deutlich wurde das, als Jîl Şiwanî, ein südkurdischer Online-Aktivist, auf Twitter ein Video seines Bruders und Neffen teilte, das beide munter im Wasser planschend zeigte, als es plötzlich infolge des Drohnenangriffs zu einem Aufprall kam. Ein Trümmerteil verfehlte den Jungen und seine Mutter nur haarscharf. Wie der Journalist Kamal Chomani klarmacht: Selbst, wenn dieser Angriff der PKK gegolten hat, warum wurde ein Geschäft angegriffen? Und weshalb wurde nicht abgewartet, bis der Truck die Ortschaft verlassen hat?

Die Ausreden derjenigen, die immer wieder beteuern, es ginge nur um die PKK und nicht um einen Angriff auf Kurdinnen und Kurden, entbehren jeglicher Basis. Besonders brisant ist dieser gezielte Angriff nach den Äußerungen des Ko-Vorsitzenden des Exekutivrats der Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans (KCK), Cemil Bayik, der kürzlich in einem Interview mit dem Sender Stêrk TV andeutete, dass nicht wie bislang üblich nur Personen aus dem Umfeld der südkurdischen Regierungspartei PDK Informationen an den türkischen Geheimdienst weitergeben, sondern auch Mitglieder der Patriotischen Union Kurdistans (YNK) Geolokalisierungssysteme der türkischen Luftwaffe mit Informationen beliefern. Quellen aus der Ortschaft teilten mir mit, dass es sich vor zwei Tagen gleich um zwei Drohnen handelte, die Kanumasi überflogen. Auch innerhalb der Bevölkerung sei schon länger die Rede von Personen, die gezielt Informationen über Aufenthaltsorte von PKK-Kämpfer*innen weitergeben.

Gerade innerhalb der in zwei Blöcke gespaltenen YNK begeben sich die Lager um Qubad Talabani, der als stellvertretender Ministerpräsident seine Partei vor allem auf Regierungsebene in Erbil vertritt, und die Gruppe um den Ko-Vorsitzenden der YNK Lahur Talabani, regelmäßig auf Konfrontationskurs. Zwar hatte dieser wenige Tage nach den Luftangriffen auf Şengal und Mexmûr dem türkischen Außenminister nach dessen Äußerung, Slemani gehöre zu den Einflussgebieten der PKK, in gewohnt schnippischer Manier entgegnet, die Stadt werde nur von ihrem Sinn für den kurdischen Patriotismus beeinflusst, während die YNK-Fraktion in Erbil für ihre Tatenlosigkeit gegenüber der türkischen Aggression gerügt wurden. Vermutlich handelt es sich dabei allerdings nur um einen internen Grabenkampf auf dem Rücken derjenigen, die tatsächlich unter den Luftangriffen der Türkei leiden. Lahur Talabanis plötzlicher Türkei-Kritik spricht entgegen, dass er beispielsweise Anfang der 2000er, als der Krieg zwischen der Türkei und der PKK im Grenzgebiet beider Länder besonders hart war, Repräsentant der YNK in Ankara war. Von der entscheidenden Rolle der YNK bei der Zusammenarbeit mit der türkischen Regierung scheinen weitere Teile der Bevölkerung in und um Slemani überzeugt zu sein.

Der Luftangriff in Kanumasi hat das Ausmaß der militärischen Eskalation der Türkei in Südkurdistan nur noch verstärkt. Die Türkei hat deutlich gemacht, dass tote oder verletzte Zivilist*innen, darunter Kinder und Frauen, für sie nur Kollateralschäden sind. Auch in Gebieten, die eben nicht zu den klassischen Kampfzonen der PKK gehören. Angesichts des schallenden Schweigens in Erbil und bei der irakischen Zentralregierung in Bagdad ist zu befürchten, dass diese Eskalation nicht die letzte gewesen ist. Immerhin haben gestern 38 irakische Abgeordnete aller Fraktionen – ausgenommen der PDK – eine Sondersitzung des Parlaments zu den türkischen Luftangriffen beantragt. In Bagdad wird man sich angesichts des eigenen Kampfes gegen irannahe schiitische Paramilitärs wie der irakischen Kataib Hisbollah vermutlich wenig für diesen Vorstoß interessieren. Nach Durchsuchungen in den Hauptquartieren der Miliz machte ein langer Autokorso durch Bagdad deutlich, dass man sich von diesen Razzien nicht kleinkriegen lassen will. Mustafa al-Kadhimi, neuer Staatspräsident im Irak, trat mit den Tahrir-Protesten und den Eskalationen vom Januar dieses Jahres ein schweres sicherheitspolitisches Erbe an. In erster Linie versucht er, Stärke zu demonstrieren. Diese Stärke wird er jedoch nicht in der Kurdistan Region und Bagdad gleichermaßen zeigen können. Es scheint realistisch, dass die türkischen Luftangriffe weiter ungeahndet bleiben und leider auch weiter eskalieren werden, ob in Bradost oder bei unbescholtenen Familienurlaubern in Kanumasi.


Dastan Jasim studierte Politikwissenschaft mit einem Schwerpunkt auf Demokratisierungs- und Feminismustheorien und Assyriologie im Master an der Universität Heidelberg. 2019 verbrachte sie am Center for Gender and Development Studies an der American University of Iraq in der südkurdischen Stadt Silêmanî (Sulaimaniyya). Seit 2017 forscht sie zudem am Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung zu den Konflikten um Kurdistan in Syrien und dem Irak. Aktuell hält sie sich wieder in Südkurdistan auf.